Mein Style, meine Prothese

Mehr als nur ein Hilfsmittel: Meine Prothee, samt einem Cover mit einem Design aus der Hand meiner Tochter (Bild mit freundlicher Genehmigung von Stefan Schu).
Mehr als nur ein Hilfsmittel: Meine Prothee, samt einem Cover mit einem Design aus der Hand meiner Tochter (Bild mit freundlicher Genehmigung von Stefan Schu).

Mehr Als Nur Ein Hilfsmittel: Was Eine Prothese Für Mich Wirklich Bedeutet

Eine Prothese ist zunächst einmal genau das, was das Wort suggeriert: ein Hilfsmittel. Etwas, das unterstützt, ausgleicht, ermöglicht. Und doch merke ich immer wieder: Diese Beschreibung ist zu klein für das, was im Alltag – und im Leben – daraus werden kann.

 


In Kooperation mit der Lentes Prothesenwerkstatt – im Rahmen des Projekts „Mehr als nur ein Hilfsmittel“


Meine Prothese, Mein Style

Seit meiner Amputation begleitet mich meine Prothese nicht nur in ganz praktischen Situationen. Sie ist Teil eines Prozesses geworden: zurück ins Vertrauen, hinein in eine selbstbewusste Identität, und immer wieder auch ein Anker, wenn ich vergesse, wie weit ich schon gekommen bin. Kurz gesagt: Aus einem Hilfsmittel kann sehr schnell sehr viel mehr werden. Aber dieses Mehr passiert nicht automatisch. Es entsteht im Zusammenspiel aus dem handwerklichen Können und der Hingabe der Orthopädietechnikerinnen, einer guten Passform des Schaftes, einer unterstützenden Begleitung durch Therapeutinnen, viel Training, noch mehr Geduld und meiner eigenen Entscheidung, dranzubleiben.

 

Im Rahmen der Kooperation mit der Lentes Prothesenwerkstatt und dem Projekt „Mehr als nur ein Hilfsmittel“ möchte ich drei Aspekte teilen, die für mich in dieser Hinsicht zentral sind.

 

 

Die Prothese Als Weg Zurück Ins Vertrauen Und Nach Vorn Ins Neue Können

Nach einem lebensverändernden Ereignis wie einer Amputation ist vieles gleichzeitig wahr: Dankbarkeit, Trauer, Unsicherheit, Kampfgeist, Überforderung, und so vieles mehr. Und mitten darin steht diese Frage: Kann ich meinem Körper wieder trauen?

 

Eine Prothese ist dabei nicht nur ein Ersatzteil für einen nicht mehr vorhandenen Körperteil. Sie ist eine Art Brücke. Eine Brücke zwischen dem, was nicht mehr so ist wie früher, und dem, was trotzdem wieder möglich werden kann. Und damit ist eben jene wichtige Brücke, auf der Vertrauen zurückkommen kann in ein in vielerlei neues Leben.

 

Dieses Vertrauen wächst nicht in großen Sprüngen. Es wächst in Wiederholungen:

  • beim ersten sicheren Schritt ohne dauernd auf den Boden zu starren
  • beim ersten Weg nach draußen, bei dem ich nicht ständig Fluchtwege und „Was wäre wenn?“ im Kopf durchspiele
  • beim ersten Mal, wo ich etwas wage, das sich vorher unmöglich angefühlt hat
  • beim hundertsten Mal, wo aus „probieren“ langsam „können“ wird

Für mich ist das ein Wechselspiel: Mehr wagen, mehr schaffen, mehr Können aufbauen. Und mit jedem dieser Schritte passt sich auch meine Identität an. Nicht, indem ich vergesse, was passiert ist. Sondern indem ich lerne, in dieser neuen Realität zu mir zu stehen. Mit allem, was dazugehört: Körpergefühl, Alltagstauglichkeit, Stolpermomente, Fortschritte, Rückschläge, Erfolgserlebnisse.

 

Eine gut passende Prothese (und die richtige Begleitung) ist dabei wie ein stiller Partner: Nicht im Sinne von „macht alles leicht“, sondern im Sinne von „macht Entwicklung möglich“. Denn wenn das Hilfsmittel zuverlässig ist, kann ich meinen Mut auf die wichtigen Dinge richten: auf Bewegung, auf Alltag, auf Leben.

 

 

Die Prothese Als Statement: Sichtbarkeit, Stolz, Und Ein Anspruch Auf Teilhabe

Meine Prothese ist nicht nur Funktion. ich trage sie auch ganz bewusst gerne für alle gut sichtbar. Und diese Sichtbarkeit kann – je nach Tag – herausfordern. Aber sie kann auch Kraft geben. Denn ja: Ich bin anders. Und ja: ich habe teilweise andere Bedürfnisse.

 

Und genau deshalb ist es wichtig, dass sich in allen Bereichen der Gesellschaft etwas bewegt, damit Menschen mit Behinderung möglichst viel und möglichst selbstverständlich teilhaben können.

 

Für mich ist die Prothese damit auch ein Statement. Nicht trotz Behinderung, sondern mit Behinderung: ein Zeichen von Selbstbewusstsein. Ein Zeichen, das sagt:

  • Ich verstecke mich nicht.
  • Ich bin nicht weniger.
  • Ich bin hier – und ich gehöre dazu.

Und gleichzeitig ist die Prothese auch eine Erinnerung an das, was oft verdrängt wird: Barrieren entstehen nicht zwangsläufig durch eine Behinderung. Sie entstehen durch die Interaktion eben dieser Behinderung mit einer sich nicht angemessenen darauf einstellenden Umwelt einerseits und oft ignoranten Einstellungen andererseits. Es sind die Treppen ohne Rampen. Die fehlenden Aufzügen. Die zu engen Türen. Die Blicke, Kommentare, Erwartungen. Es sind die Systemen, die willkürlich Normalität definieren, ohne Vielfalt mitzudenken.

 

Ich tue meinen Teil: jeden Tag. Ich trainiere. Ich lerne. Ich passe mich an. Ich organisiere. Ich bin kreativ, wenn Dinge nicht barrierefrei sind. Und das finde ich okay.

 

Aber: Die Umwelt muss ihren Teil übernehmen. Echte Teilhabe bedeutet, dass Barrierefreiheit nicht Bonus ist, sondern Standard. Dass Menschen mit Behinderung nicht ständig zusätzliche Energie aufbringen müssen, nur um überhaupt dabei sein zu können.

 

Wenn ich meine Prothese stolz trage, dann ist das nicht nur persönlich. Es ist auch im besten Sinne politisch: Es geht um Rechte, um Sichtbarkeit und um Würde. Eben jene Würde, die laut dem ersten Satz des ersten Artikels des deutschen Grundgesetzes unantastbar ist - für jeden Menschen, egal ob mit oder ohne Behinderung.

 

 

Die Prothese Als Erinnerung: Wie Weit Ich Gekommen Bin Und Dass Schlechte Tage Dazugehören

Manchmal ist es leicht zu vergessen, was ich schon geschafft habe. Vor allem dann, wenn ich gerade einen schlechten Tag erwischt habe.

Tage, an denen der Schaft nicht passt. An denen die Haut meckert. An denen der Kopf müde ist. An denen ich nicht die Energie habe, einfach nur zu funktionieren. An denen kleine Dinge plötzlich groß werden.

 

An solchen Tagen hilft mir ein Gedanke: Diese Prothese ist auch ein Beweis für bereits Erreichtes. Ein Beweis dafür, dass ich mich zurückgekämpft habe. Dass ich Fähigkeiten aufgebaut habe, die ich früher nicht brauchte. Dass ich eine neue Form von Stabilität gefunden habe. Nicht weil alles perfekt ist, sondern weil ich gelernt habe, mit dem Unperfekten zu gut leben.

 

Und ja: Es ist okay, schlechte Tage zu haben. Sie sind kein Rückschritt. Sie sind Teil des Ganzen.

 

Wenn ich auf die große Linie schaue, ist da etwas, das ich mir immer wieder bewusst mache: Durch eine Prothese, die zunächst als Hilfsmittel angeschafft wurde, kann ich heute ein aktives und erfülltes Leben leben. Und damit wird dieses Hilfsmittel tatsächlich zu so viel mehr.

 

 

Die Transformation Liegt In Meinen Händen

Ich bin sehr dankbar, dass ich ein tolles Team an Techniker*innen mit einem unendlichen Reichtum an Expertise an meiner Seite habe. Das ist erst einmal das A und O einer jeden Versorgung. Das „Mehr“ entsteht dann aber nicht alleine durch die Technik und die erstklassige prothetische Versorgung. Es entsteht durch Aushandlungsprozesse: zu meinem Körper, zu meinem Alltag, zu meinem Mut.

 

Die Prothese kann mir Möglichkeiten geben. Aber es liegt an mir, diese dann auch zu nutzen.

 

Ich entscheide, ob ich dranbleibe. Ob ich Hilfe annehme. Ob ich meine Grenzen respektiere – und manchmal auch bewusst verschiebe.

 

Und vielleicht ist das der Kern dieses Projekts für mich: Eine Prothese ist nicht nur ein Hilfsmittel. Sie kann ein Werkzeug werden, um Vertrauen aufzubauen. Ein sichtbares Zeichen von Selbstbewusstsein. Ein persönlicher Anker.

 

Aber die Transformation – von Hilfsmittel zu einem wie auch immer gearteten Mehr – passiert nicht von alleine.

 

Sie liegt in meinen Händen.

 

 

Mehr Zum Thema "Mein Style, Meine Prothese"

Und wenn euch mein Beintrag jetzt Lust gemacht hat, mühr über diese Kampagne zu erfahren und mal bei den anderen Leuten und deren Beiträgen reinzuschauen, dann findet ihr die auf dem Instagram-Account von LENTES PROTHESENWERKSTATT.

Beitrag von Bjoern Eser, dem Gründer von und Macher hinter The Active Amputee.

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