Peers und Aufklärung

Neue Kooperation mit Kim Cremer (Dank für das Bild geht an Kim Cremer).
Neue Kooperation mit Kim Cremer (Dank für das Bild geht an Kim Cremer).

Den Weg Nicht Alleine Gehen Müssen

Heute habe ich das Vergnügen, einen Artikel von Kim Cremers Blog 'Das Leben geht weiter, auch wenn es humpelt' posten zu können. Vielen von euch ist Kim aka Kimii.b.c wahrscheinlich von Instagram bekannt. Kim und ich wollen über die kommenden Monate immer mal wieder was zusammen machen. Und der heute Post stellt den Auftakt für diese neue Kooperation das.  

 

Welche Realität Erwartet Mich Als Amputierter Eigentlich?

In meinen Gedanken war es am Anfang so: Du lässt dich amputieren, dann bekommst du eine Prothese und wenn du Glück hast kannst du damit wieder gehen und stehen. Das Internet zeigte mir jedoch Sprinter, Weitspringer, Skateboarder und Handballspieler. Was davon ist nun die Realität?

 

Zunächst möchte ich euch ausnahmsweise mit Zahlen versorgen. 2015 wurden 55.595 Amputationen der unteren Extremitäten in Deutschland durchgeführt. Davon sind 52,4% Zehen und Zehenstrangamputationen. Bleiben also 26.442 Menschen die 2015 theoretisch mit einer Prothese versorgt werden mussten. Das ist viel für ein Jahr. Rechnet man das auf die letzten 10 Jahre einfach mal hoch müssten seit 2005 allein 260.442 amputierte in Deutschland hinzugekommen sein.

 

 

Wo Finde Ich Verlässliche Informationen Zu Meinem Neuen Leben?

Zurück zu meinen Gedanken; Wer von euch kennt, ohne das er sich damit beschäftigt hat, einen Prothesenträger bzw. amputierten Menschen aus seinem Umfeld? Also persönlich, nicht irgendwie mal im Internet gesehen, sondern mit einer persönlichen Bindung. Mir fällt keiner ein. Noch dazu beschäftigt man sich nicht mit diesem Thema, wenn man nicht muss.

 

Also, wo sucht man sich 2021 Informationen? Im World Wide Web. Da gibt es alles! Schonmal bei YouTube „Beinprothese“ eingegeben? Adrenalin, Ninja Warrior, Bikeparvideos, Skater, 24h Weltrekord SUPpen mit Prothese (welcher mich durch die Amputation begleitet hat). Menschen die mit ihrer Prothese im Moment der Aufnahme eins sind, auf Prothesen aufmerksam machen und aufzeigen was damit geht. Find ich geil! Respekt an euch. Aber… wie war denn der Weg dahin? Nach welcher Tortour, wieviel Prothesenanpassungen und welchem Training war das möglich? Oder auch- wie geht es euch nach so einem aktiven Tag?

 

Nun nehmen wir an er oder sie wacht nach einem Motorradunfall im Krankenhaus auf und ihm/ihr fehlt ein Bein. Eine Welt bricht zusammen. Nie wieder wird es sein wie es war. Freunde versuchen sie/ihn zu motivieren, zeigen diese Videos und Bilder. Ok, Lebensmut gefasst, auf ins Sanitätshaus. Die erste Prothese, doch die ersten Schritte bringen Ernüchterung. Das wird ja gar nicht sofort was mit biken und rennen. Das drückt, das spannt, das ist unangenehm. Ich muss ganz anders laufen, dadurch tut mir meine Hüfte oder der Rücken weh. Und wie sage ich dem Techniker jetzt das sich das grad nicht gut anfühlt?

 

Ein neuer tiefes Loch macht sich auf. Und ich glaube bzw. habe es schon mehrfach erlebt; aus dem rauszukommen ist nicht einfach. Wenn er oder sie sich aus Frust vergräbt, kann es dauern oder ist es je nach Charakter unmöglich da nochmal ranzukommen.

 

Nun frage ich mich „Wie hätte man hier helfen können?“ Wie kann man die Gap zwischen Internet und der vollen Realität schließen?

 

 

Der Deutliche Mehrwert Von Peer-Support-Systemen

Mit einem gut strukturiertem Peer-System, auf das jedes Krankenhaus Zugriff hat. Und über das alle informiert sind! Ein Peer, also ein „Gleichgestellter“ aus der Region welcher ins Krankenhaus kommt, dem frisch amputierten auf Augenhöhe Fragen beantwortet und realistisch sagt was auf ihn zukommt. Klare Worte von Anfang an. Ja, es kann sein das du wieder rennen und Downhillfahren kannst. Aber der Weg dahin ist steinig. Jede Prothese ist ein Unikat- und dein Körper wiederum verändert sich immer wieder mal. Also bist du hier schon in einem ständigen Prozess eingebunden, den es zu akzeptieren gilt. Wenn das klappt, sich das Team Amputierter/Kunde eingespielt hat, dann kann es weiter gehen. Wie lang dauert das? Monate… Jahre? Man weiß es nicht. Denn wenn man zb. Den Techniker wechselt fängt man fast bei null an. 

 

Es gilt den eigenen Körper neu kennenzulernen. Wo drückt es genau? Alles fühlt sich anders an. Man denkt ein Knochen wird eingeklemmt, dabei ist es die Sehne auf der anderen Seite. Find das mal raus… Ein ewiges Geduldsspiel. Aber ein Spiel das man gewinnen kann! Ich will hier keinen demotivieren, keinen angreifen. Ich möchte aufklären und vor allem alle anderen Prothesenträger dazu ermutigen, ihre Erfahrung zu teilen. Bietet euch euren Ärzten an, das ihr sie da unterstützen könntet. Wenn ihr es verkraftet! 

 

Das lag mir heut morgen mal auf der Seele. Werdet aktiv, kämpft euch zurück ins Leben so gut es geht! Informiert euch ordentlich und realistisch. Schreibt die Menschen an zu denen ihr Aufschaut- ich glaube das die meisten euch keine Luftschlösser bauen werden, weil sie alle durch den harten Weg gelernt haben. Geduld, Körpergefühl und nebenbei auch immer Wertschätzung. 

 

In diesem Sinne: bleibt authentisch und glaubt an euch!

 

 

Gast-Beitrag von Kim Cremer. Kim hat seinen Unterschenkel vor Jahren bei einem Motorradunfall verloren. Er ist sportlich sehr aktiv, unterstützt andere Amputierte dabei, wieder aktiv zu werden und ist der Macher hinter dem einzigen deutschsprachigen Podcast zum Thema Amputation uns Prothetik. Um mehr über Kim zu erfahren, lohn t es sich, ihm bei Instagram zu folgen, sich bei der Prothesengemeinschaft anzumelden und den entsprechenden Podcast zu abonnieren. Zudem hat Kim einen sehr lesenswerten Blog, auf dem dieser Artikel auch erstmals erschienen war.