
Mein Weg Zurück … Und Weiter
Am 27. Mai 2021 veränderte ein Unfall in einer Boulderhalle das Leben von Fritz grundlegend und führte Monate später zur Amputation seines linken Unterschenkels. Zwischen den Extremen von „alles ist möglich“ und „nichts geht mehr“ fand er seinen ganz eigenen Weg zurück in ein aktives Leben – mit Geduld, Rückschlägen, Unterstützung und der richtigen Prothese. In diesem Blog erzählt Fritz von diesem Weg, von Bewegung, Sport und den Bergen nach der Amputation, in der Hoffnung, anderen Mut zu machen und zu zeigen: Eine Amputation ist nicht das Ende der Geschichte, sondern der Beginn eines neuen Kapitels.
Eine KLeine UNachtsamkeit Und Auf Einmal Ändert Sich Alles
Am 27. Mai 2021 sollte sich mein Leben für immer verändern: Ich war nach einer Trainingseinheit in einer Boulderhalle am Weg zu den Garderoben, als mir dieser eine Boulder auffiel. Mit den Gedanken schon auf dem Weg nach Hause, bin eingestiegen, unglücklich gestürzt und habe mir dabei einen Trümmerbruch an Schien- und Wadenbein zugezogen.
Mehrere Operationen später wurde mir schließlich am 7. Februar 2022 der linke Unterschenkel amputiert.
Mein Name ist Fritz Pölzl, zum Zeitpunkt des Unfalles war ich 58 Jahre alt und wie sich zeigen sollte, war ich in keiner Art und Weise auf dieses Ereignis vorbereitet. Meine Informationen hatten die Spannweite von „mit modernen Prothesen ist alles machbar“ bis zu „aus, vorbei: jetzt bist du behindert!“ Die Wahrheit liegt für mich aus heutiger Sicht dazwischen; mit deutlicher Tendenz zu „Alles ist machbar“: Mit der richtigen Prothese ist sehr vieles möglich aber eben nicht für jeden alles. Mit Geduld und Spucke und vor allem durch Ausprobieren findet man aber einen Sport, der Spaß macht und – mit Unterstützung des richtigen Prothesentechnikers – die richtige Prothese.
Von Anfang an war mir „The Active Amputee“ eine wichtige Inspiration. Die für mich wichtigste Botschaft war: Dieser Unfall ist nicht das Ende meiner Geschichte, sondern der Anfang eines neuen Kapitels. Im Folgenden möchte ich kurz beschreiben, wie es mir gelungen ist, meinen Weg zurück in ein aktives Leben zu finden. Ich mache dies in der Hoffnung, dass die eine oder andere Information für Menschen nach einer Amputation hilfreich sein könnte.
Seinen Eigenen Weg Finde
Ich brauche immer ein Ziel. Noch auf der Intensivstation fasste ich also zwei Ziele ins Auge: Ich möchte wieder eine Skitour gehen und ich möchte noch einmal auf dem Gipfel des Hohen Dachstein stehen. Zum Glück ahnte ich damals nicht, wie ambitioniert diese Ziele sind.
Weit vor dem Skifahren und Bergsteigen kommt nämlich das Gehen. Ich erinnere mich lebhaft, wie sehr ich mich über meine erste Prothese freute. Und wie schnell sich diese Freude dann in blankes Entsetzen verwandelte. Nach den ersten Gehversuchen war mir absolut unverständlich, wie man mit dem Ding gehen sollte. Ich verlor ständig das Gleichgewicht, der Stumpf fühlte sich seltsam und fremd an und an ein Gehen ohne Krücken war nicht zu denken. Es dauerte Wochen, bis meine Schritte etwas sicherer wurden.
Eine meiner ersten Wanderungen führte mich auf die Hohe Wand, einem Naherholungsgebiet im Umfeld von Wien. Über zirka 150 Höhenmeter führt ein bequemer Wanderweg zu einer Hütte. Das ist nichts, worüber ich vor meiner Amputation auch nur nachgedacht hätte und entsprechend zuversichtlich machte ich mich mit meiner neu gewonnenen Sicherheit auf den Weg. Etwa zehn Minuten später stand ich schwer atmend über meine Gehstöcke gebeugt und war fix und fertig. Wie anstrengend das war! Anscheinend benötigte ich die Fitness eines Triathleten für diesen Spaziergang. Im Stil eines Höhenbergsteigers auf über 8,000 Meter kämpfte ich mich bergauf: Zehn Schritte gehen, keuchend über den Stöcken rasten, wieder zehn Schritte gehen. Aber irgendwie schaffte ich es bis ganz nach oben. Nach einer ausgiebigen Rast war ich bereit für den Abstieg. Das würde einfacher werden, dachte ich mir. Weit gefehlt: Bergab gehen mit Prothesen ist ja noch viel anstrengender! Am Abend dieses Tages war ich körperlich erledigt und mental verzagt: Würde ich jemals wieder die körperlichen Voraussetzungen für längere Touren haben?
Die Ziele Werden Immer Ambitionierter
Um eine Skitour machen zu können ist es hilfreich, Ski laufen zu können. Es gibt in Österreich einen Verein, der unter anderem auch Skikurse für beinamputierte Personen anbietet. (FreizeitPSO). Zu Weihnachten 2022 schenkte mir meine Frau einen solchen Kurs und der erste Tag auf Ski war ein Debakel. Mit der Prothese hatte ich so gut wie keine Kontrolle über den Ski und bereits bei Schrittgeschwindigkeit hatte ich den Eindruck, viel zu schnell unterwegs zu sein. Inzwischen war ich das aber gewohnt: Mit Prothese ist aller Anfang schwer und bereits ab dem zweiten Kurstag hatte ich auf einmal wieder das gute alte Gefühl für die Ski gefunden. Tatsächlich ist es heute so, dass ich beim Skilauf meine Behinderung am wenigsten spüre.
Auch die Gehleistung auf Wanderungen verbesserte sich nach und nach und eines Tages stellte ich auf einer Wanderung fest, dass ich mich nicht besonders angestrengt hatte. Ich war zuerst verblüfft und dann überglücklich: Ich war wieder zurück.
So langsam wurde es Zeit, meine Ziele ernsthaft in Angriff zu nehmen: Die Skitour war kurz und schön und rasch abgehakt. Weitere Touren folgten und meine bisher anspruchsvollste Tour führte über einen Aufstieg von knapp 1,000 Höhenmetern.
Der Hohe Dachstein war da ein anderes Kaliber: Ich habe jahrzehntelange Erfahrung als Alpinist und Kletterer und hatte diesen Berg vorher bereits zwei Mal über sehr anspruchsvolle Klettertouren bestiegen. Diesmal sollte es der Normalweg sein, aber dieser Gipfel ist ohne Kletterei nicht zu haben. Aus Sicherheitsgründen wollte ich diese Tour mit einem Bergführer machen und ich hatte zunächst Sorge, ob ich jemanden finden würde, der die Verantwortung über einen beinamputierten Klienten übernehmen würde. Mit Alex habe ich diesen Bergführer gefunden und die Tour auf den Dachstein war unsere erste, aber nicht unsere letzte Tour.
Und was war das für eine Tour: Wir haben sie bei winterlichen Verhältnissen unternommen, mit Steigeisen und Pickel und es war mein erster längerer Kontakt mit zwei von den härtesten Gegnern für Prothesengeher: Schnee und Eis. Ich habe früher technisch weit anspruchsvollere Touren unternommen, viel schwieriger und sehr viel länger, aber diese ist mir als eine der für mich härtesten Touren in Erinnerung geblieben. Wieder einmal war es der Abstieg, der mich körperlich an meine Grenzen brachte. Um mit Steigeisen nicht zu stolpern, geht man etwas breitbeiniger als gewöhnlich und hebt die Knie beim Gehen ein wenig höher, um nicht über die Zacken zu stolpern. Diese etwas andere Gehbewegung summierte sich für mich zu einer unglaublichen Anstrengung. Ich bin Alex, meinem Bergführer bis heute dankbar für seine Geduld.
Und dann ist da noch das Klettern. Ich liebe es seit meinem 16. Lebensjahr und habe in meinen jüngeren Jahren ein paar Touren erstbegangen, die sich bis heute einiger Beliebtheit freuen. Ich gebe zu, dass ich nach einem meiner ersten Kletterversuche in einer Kletterhalle vor Enttäuschung geweint habe. Dieses ungeschickte Herumstochern mit der Prothese hatte wenig mit dem Sport zu tun, den ich so sehr liebte.
Zum Glück veranstaltet der österreichische Alpenverein Para-Kletterkurse. Hier lernte ich Betty kennen. Sie leidet selbst an einer Behinderung und hat eine spezielle Ausbildung für das Klettertraining behinderter Menschen. Ihr Motto: Geht nicht gibt’s nicht! Mit ihrer Hilfe habe ich auch zum Klettern zurück gefunden und habe mich sogar mit einigem Erfolg im Wettkampfklettern versucht.
Der Anfang Eines Neuen Kapitels
Heute kann ich sagen, dass ich fitter bin als vor meiner Amputation. Es hat anscheinend diesen Unfall gebraucht, damit mir klar wurde, wie wertvoll Bewegung und Outdoor-Aktivitäten für mich sind. Natürlich habe ich wieder neue, ambitionierte Ziele und ich habe kürzlich mit dem Laufen begonnen. Ihr werdet es nicht erraten, aber ich finde es unglaublich anstrengend und etwas schmerzhaft.
Ganz wesentlich für meinen Weg zurück war das Akzeptieren der Tatsache, dass aller Anfang schwer ist, und zwar manchmal richtig schwer. Da hilft es, dran zu bleiben und einfach weiter zu machen. Meist klappt es dann eines Tages, manchmal aber auch nicht: Schneeschuhwandern habe ich nach einigen Versuchen aufgegeben, weil es zu schmerzhaft für mich war. Es gibt für mich genug andere Aktivitäten.
Genauso wichtig ist die Unterstützung des Umfeldes: Meine Frau hat mich stets gnadenlos aufgemuntert, wenn ich wieder einmal das Gefühl hatte, dass eine Wanderung zu weit, eine Tour zu lang oder eine Kletterei zu schwer ist. Und ich hatte das Glück, Menschen wie Betty zu treffen, die manchmal mehr an mich glaubt als ich selber. Diese schönen Erfahrungen hätte ich ohne Amputation wohl nie gemacht.
Eine Amputation ist nicht das Ende der Geschichte. Sie ist der Anfang eines neuen Kapitels.
Gastbeitrag von Fritz Pölzl. Fritz, geboren 1965, ist verheiratet, Vater eine Tochter und lebt in Wien. Beruflich ist es selbständig im Bereich Erwachsenenbildung tätig und in seiner Freizeit ist er begeisterter Wanderer, Bergsteiger, Kletterer und Segler. Ihm wurde 2022 als Folge eines Sportunfalles der linke Unterschenkel amputiert.
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