Tauchen nach einer Amputation

"Tauchen mit einer Behinderung zu lernen ist gar nicht so schwierig", sagt Nicole Krass (Bild mit dankbarer Genehmigung von Nicole Krass).
"Tauchen mit einer Behinderung zu lernen ist gar nicht so schwierig", sagt Nicole Krass (Bild mit dankbarer Genehmigung von Nicole Krass).

Schwerelos Durchs Wasser Schweben

Zum Tauchen musst du nicht laufen können. Du brauchst keine Beine, auch ohne Arme lässt es sich wunderbar tauchen. Selbst Blinde können tauchen. Was Taucher*innen mit Behinderung brauchen, manche mehr, andere weniger, sind Helfer*innen. 

 

Solange ich selbst fit genug bin und meine eigene Erkrankung, Multiple Sklerose, das zulässt, möchte ich andere Taucher*innen mit Handicap unterstützen. Deshalb habe ich mich zur/zum Tauchbegleiter*in für behinderte Menschen ausbilden lassen und den Professional Association of Diving Instructors (PADI) Adapative Support Diver Kurs gemacht. Bei den praktischen Übungen haben wir verschiedene körperliche Einschränkungen simuliert, um besser zu verstehen, worauf Tauchbegleiter*innen achten sollten. Beim Simulieren habe ich zum Beispiel eine meiner tatsächlichen Einschränkungen noch etwas ausgebaut und mein schwächeres Bein gar nicht bewegt. Sofort hab‘ ich mich dann unkontrolliert auf die Seite gedreht. Man kommt sehr schnell aus dem sonst gewohnten Gleichgewicht. Änderst du nur eine Sache, ist deine komplette Tarierung hinüber. 

 

Genau darauf kommt es beim Tauchen mit körperlichen Einschränkungen an: Das optimale Gleichgewicht zu finden, um ruhig und ausgeglichen durchs Wasser zu schweben. Ist das geschafft, steht schönen Tauchgängen nichts mehr im Wege. Das klappt bestens auch mit Beinprothesen.

 

Ich bin ja selbst auch im örtlichen Tauchverein für das Tauchen mit Handicap zuständig. Für ein Filmprojekt haben wir Maximilian Schwarzhuber, beidseitig unterschenkelamputiert, zum Schnuppertauchen eingeladen. Der 30-Jährige ist Speaker, Motivationstrainer und Extrem-Sportler, hat schon vieles ausprobiert, Tauchen allerdings noch nicht. Für uns war das genauso spannend wie für Max selbst. Wie taucht es sich mit Beinprothesen? Wie verhält sich das Material, das ja dichter ist als bei „echten“ Beinen, unter Wasser bei zunehmendem Druck? 

 

Tauchen Mit Beinprothesen – Läuft!

Um es kurz zu machen: Es hat unglaublich Spaß gemacht. Allerdings mussten wir schon eine Weile rumprobieren, bis Max gut austariert war. Er ist übrigens mit seinen Prothesen getaucht. Als Triathlet ist er ohnehin ein guter Schwimmer und ist es gewohnt, mit Prothesen zu schwimmen. Mit der ungewohnten Tauchausrüstung, der schweren Tauchflasche auf dem Rücken und dem Neoprenanzug, der einem Auftrieb gibt, war es dann aber doch anders. Wir haben mehrere Varianten getestet, um Max in die optimale Tauchposition zu bringen: Mit Flossen, ohne Flossen, mit Monoflosse oder nur mit Tauchfüßlingen an den Prothesen. Damit kam er letztlich am besten zurecht. Das ist es eben, was das „adaptive diving“, wie das Tauchen mit Handicap auf Englisch heißt, ausmacht: Das Miteinander, das gemeinsame Ausprobieren, bis die Tauchausrüstung optimal auf Max eingestellt war, an seine ganz individuellen Bedürfnisse angepasst, also adaptiert. 

 

 

Angepasstes Tauchen: Adaptive Diving

Tauchen lernen kann eigentlich jede*r, der/die tauchtauglich ist und sich im Wasser wohl fühlt. Es gibt einige Kontraindikatoren, bei denen Tauchen tabu ist. Dazu zählen zum Beispiel Schwangerschaft, starkes Asthma, schwere chronische Erkrankungen, akute fiebrige Infekte, schwere Lungen- und Herzerkrankungen sowie Epilepsie. Amputationen zählen definitiv nicht dazu. Letztendlich ist es der Arzt/die Ärztin, der/die die Tauchtauglichkeit bescheinigt. Dazu untersucht er/sie die körperliche und mentale Verfassung, Blutdruck, Plus, Lungenfunktion, die Sauerstoffsättigung im Blut und das Trommelfell. Auch ein Belastungs-EKG wird gemacht. Möglicherweise müssen Gehbehinderte dazu einen Arzt oder eine Ärztin aufsuchen, der/die dafür einen Handergometer hat. 

 

Du musst also gar nicht laufen können, wenn du Tauchen möchtest. Schwimmen übrigens auch nicht, denn beim Handicaptauchen ist das keine Voraussetzung. Wer sich aufgrund seiner Behinderung nicht selbstständig unter Wasser fortbewegen kann, muss nicht auf das Tauchen verzichten. Schließlich gibt es die Möglichkeit, den/die Taucher*in durchs Wasser zu führen, etwa am Griff der Tauchflasche. Sehbehinderte Taucher*innen müssen zu jeder Zeit im Körperkontakt mit ihrer/ihrem Tauchbegleiter*in sein. In diesen Fällen ist die Tauchtiefe begrenzt und es braucht mindestens eine*n zusätzliche*n Taucher*in. Er/Sie ist dann der/die Begleiter*in für den/die Begleiter*in, als Sicherheit für den Fall eines Notfalls. Sicherheit steht beim Tauchen sowieso an oberster Stelle.

 

 

Spezielle Programme Für Menschen Mit Einschränkungen

Es gibt einige Organisationen, die sich auf das Tauchen mit Handicap spezialisiert haben. Die Einteilung ist bei allen ähnlich, wie hier am Beispiel der DDI (Disabled Divers International):

  • Level 1: Diese*r Taucher*in kann mit jedem anderen zertifizierten erwachsenen Taucher tauchen. 
  • Level 2: Um die Anforderungen an die gleiche Unterstützung aller Taucher*innen in einer Notsituation zu erfüllen, muss der/die Kandidat*in mit zwei erwachsenen zertifizierten Tauchern*innen tauchen, von denen eine*r als DDI Assistant Diver oder durch ein DDI-anerkanntes Behindertentaucher*innenProgramm mit gleicher oder höherer Zertifizierungsstufe ausgebildet sein muss.
  • Level 3: Um dieselben Anforderungen zu erfüllen, muss der/die Kandidat*in bei Level 3 mit drei erwachsenen zertifizierten Taucher*innen tauchen, von denen eine*r als DDI-Profitaucher*in oder von einem DDI-anerkannten behinderten Taucher*innen-Programm mit gleicher oder höherer Zertifizierungsstufe ausgebildet sein muss. (Quelle: Disabled Divers International)

 

 

Jede*r Sollte Tauchen Lernen Können

Das gemeinsame Tauchen mit Max war toll. Er selbst hat am Ende mitsamt Tauchequipment unter Wasser noch einige Purzelbäume geschlagen. Sehr beindruckt haben mich auch seine Worte: „Es sind nicht unsere Beine, die uns bewegen. Es ist unser Denken.“

 

Genau darum geht es auch mir mit meinem Blog „Tauchen mit Handicap“. Mit meinen Geschichten und all den Informationen will ich das Tauchen mit Behinderung, ganz egal welche Art von Einschränkungen, bekannter machen. Viel zu wenige Tauchschulen haben speziell ausgebildetes Personal für Taucher*innen mit Behinderung. Dabei sollte doch jede*r, der/die möchte, Tauchen lernen können. Über die Integration von Menschen mit Handicap wird viel geredet. Aber beim Tauchsport sind Behinderte eher die Ausnahme. Ich denke, dass viele gar nicht wissen, was alles möglich ist und wie gut das Tauchen tut. Für mich ist das Tauchen ein absolut inklusiver Sport, den nicht-behinderte Taucher*innen und Taucher*innen mit Handicap gemeinsam ausüben können. 

 

Gemeinsam schwerelos durchs Wasser schweben – für mich gibt es nichts Schöneres!  

 

 

Gastbeitrag von Nicole Kraß. Wenn ihr mehr über das Tauchen mit Handicap erfahren möchtet, besucht ihre Webseite oder folgt ihr auf Instagram.  

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